Nachbarschaft heißt Solidaritätskultur

SİNAN ÖZTÜRK

Nachbarn sind wie unsere nächsten. Sie stammen nicht aus unserer Familie, aber sie stehen uns so nahe wie unsere Familie. Zumindest war das in der Vergangenheit der Fall. Wir haben mit so vielen Menschen in der Nachbarschaft gelebt, in der ich aufgewachsen bin. Im Laufe der Zeit wurden einige dieser Menschen zu den wertvollsten Menschen in unserem Leben. Einer der Hauptgründe dafür sind all die gemeinsamen Erinnerungen. Wir teilten unser Essen mit Kindern in unserem Alter. Ihre Mütter und Väter waren für uns Tanten und Onkel.
Die Nachbarschaft war auch ein sehr wichtiger Bestandteil der Solidaritätskultur. Wir konnten leicht von unseren Nachbarn bekommen, was in unserem Haus fehlte. Unsere Nachbarn konnten leicht die Dinge, die in ihren Häusern fehlten, von uns bekommen.
Wir hatten sehr gute Nachbarn. Jahre sind jetzt vergangen. Weder die Nachbarschaften noch die Straßen sind die gleichen wie zuvor. Die meisten Straßen, in denen wir aufgewachsen sind, existieren jetzt nicht mehr. Die ruhigen einstöckigen Häuser mit Gärten werden jetzt durch Hochhauswohnungen ersetzt. Die nachbarschaftlichen Beziehungen in Hochhauswohnungen oder -siedlungen sind nicht mehr dieselben wie zuvor.
Die Entwicklungen wirkten sich auch negativ auf die Nachbarschaftskultur aus. Die Leute kennen ihre Nachbarn kaum. Heutzutage sind Nachbarn nicht so leicht zu besuchen wie in der Vergangenheit. Die Straßen sind nicht voller Kinder. Leiden und Glück sind schwieriger zu teilen.
Nachbarn, insbesondere gute Nachbarn, bereicherten jedoch das Leben der Menschen. Die Türen der meisten unserer Häuser würden ausnahmslos allen Nachbarn offen stehen. Wenn wir Hunger hatten, konnten wir leicht zu einem Nachbarn gehen und dort unseren Magen füttern. Wir könnten unsere Bedürfnisse gegenseitig erfüllen.
Insbesondere in Industrieländern sind die Menschen heute auf Standorte oder Wohnungen beschränkt. Es gibt nicht viel Kommunikation zwischen den Nachbarn. Diese Situation macht das Leben in Städten noch langweiliger und trockener.
In einem Land wie Deutschland, in dem Menschen oft alleine leben, wird das Bedürfnis nach einem Nachbarn noch wichtiger. Ich denke, für miteinander auszukommen spielt der Wille mehr Rolle als die gemeinsame Sprache. Ich erinnere mich, dass meine Mutter vor Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen war. Sie hatte mich besucht und blieb mehrere Tage bei mir. Sie sprach kein Wort Deutsch. Zu dieser Zeit hatten wir eine Nachbarin, die wir sehr liebten und die uns oft besuchte. Sie war im Alter weit fortgeschritten. Meine Mutter war auch eine alte Dame. Als ich zur Arbeit ging, ging meine Mutter direkt neben uns zu unserer Nachbarin oder unsere Nachbarin kam zu uns nach Hause. Unsere Nachbarin war Deutsche und sprach Deutsch. Meine Mutter sprach nur Türkisch. Sie konnten sich jedoch auch in zwei unterschiedlichen Sprachen sehr gut verstehen. Sie haben zusammen gekocht und Kuchen und Gebäck gebacken. Sie sprachen über sich selbst, ihre Familien, ihre Vergangenheiten. Obwohl sie wirklich in unterschiedlichen Sprachen sprachen, kamen sie sich bald nahe.
Meine Mutter hat ihre Einsamkeit gelindert, als ich nicht zu Hause war. Unsere Nachbarin lebte auch alleine. Ich hatte seit Jahren keine Gäste mehr zu ihr nach Hause kommen sehen. Aber jetzt hatte sie auch einen Gast. Beide waren glücklich. Weil Menschen im Allgemeinen glücklich sind, wenn sie mit Menschen zusammen sind. Menschen sind glücklicher, wenn sie miteinander reden und etwas tun.
Die Nachbarschaft entwickelt sich durch gegenseitige Schritte. Die Nachbarn unterhalten sich über ihre Probleme und erzählen von ihren Lebenssituationen. Sie geben sich gegenseitig Ratschläge. Und gute Nachbarn werden wie Mitglieder der eigenen Familie. Kinder guter Nachbarn werden bald auch gute Freunde.
Unsere Nachbarschaftsbeziehungen sind wie die Tagebücher unseres Lebens. Wenn wir diese Tagebücher lesen, erinnern wir uns an unsere früheren Erfahrungen. Ich hoffe, alle würden so wertvolle Nachbarn haben, mit denen man diese schönen Erinnerungen teilen kann.

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